Geschichte der Kerzen

Was darf sich Kerze nennen?
Unter dem Begriff "Kerze" verstehen wir ausschließlich Licht- und Wärmequellen, die aus einem Docht und einer festen Brennmasse, die den Docht umgibt, bestehen. Dazu gehören auch Teelichte, Stundenbrenner und Öllichte, obwohl sich die feste Brennmasse in einem Becher oder einem anderen Gefäß befindet. Ist die Brennmasse, die den Docht umgibt, flüssig - dann sprechen wir von Ampeln, Lampen oder Laternen. Mit Dosen oder Hülsen als Behälter wird zwar oft die Form einer Kerze imitiert, doch die flüssige Brennmasse unterscheidet sich eindeutig von einer echten Kerze. Auch Fackeln gehören nicht in die Kerzenfamilie: Sie bestehen nur aus einer Wicklung und haben keinen Docht.

Historische Kerzenwerkstatt

Seit wann gibt es Kerzen?
Es ist nicht einfach, Licht in das Dunkel der frühesten Kerzengeschichte zu bringen: Historische Abbildungen und Texte lassen oft nicht klar genug erkennen, ob wirklich Beleuchtungskörper dargestellt werden, die dem Kerzenbegriff entsprechen. Oder lediglich die seit dem Ende des 3. Jahrhunderts v. Chr. benutzten Wachsfackeln. Man weiß aber sicher: Lange vor Fackeln und Kerzen leuchteten ölgespeiste Ampeln und Lämpchen der Menschheit heim. 

Wahrscheinlich erst in der Zeit nach Christi Geburt gelang die Beherrschung der Dochtbrennbarkeit des Wachses ohne Benutzung eines Gefäßes, Etwa Mitte des 2. Jahrhunderts n.Chr. waren bei den Römern niedrige Wachskerzen soweit entwickelt, daß sie in einem geschlossenen Raum brennen konnten - ohne lästiges, übermäßiges Rußen und üblen Geruch.

Was bei Fackeln unvermeidlich war. Das Christentum und die Entwicklung seiner liturgischen Gebräuche waren der Impuls für eine rasche weitere Verbreitung des Kerzengebrauchs. So sind länglich - runde Kerzen mit Wergdocht und Kerzen für liturgische Zwecke seit der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts n.Chr. mit Sicherheit festzustellen.

Mit dem Bienenwachs entfaltete sich die Kerzentechnologie das ganze Mittelalter hindurch. Dieses begrenzt vorhandene und damit sehr wertvolle Wachs war jedoch vor allem den Kirchen und den reichen Fürstenhäusern vorbehalten.

In privaten Haushalten benutzte man Talg- oder sogenannte Unschlittkerzen. Sie wurden aus minderwertigem Rindernierenfett oder Hammeltalg hergestellt, rochen dementsprechend ranzig, qualmten und rußten..

Erst Ende des 15. Jahrhunderts zog das Bienenwachs auch in die gute Stube wohlhabender Bürgerhäuser ein.
Problemlose Wachslichter kannten unsere Vorväter leider nicht: Die Kerzen mußten ständig ,geschneuzt', also geputzt werden. So nannte man das damals, wenn der abgebrannte Docht sogleich gekürzt wurde, um Rußen und Tropfen zu verringern. Sogar den Beruf des "Wachsschneuzers" gab es bei Hofe. Im 17. Jahrhundert weißte man Talgkerzen mit Arsenik und vergiftete damit fast die Zeitgenossen. Natürlich glänzend - weiße Luxuskerzen besaß man mit der Entdeckung des Walrats (1725) als Kerzenrohstoff. Walrat wurde aus dem Öl der Schädelknochen des Pottwals gewonnen.

 Das 18. Jahrhundert liebte Kerzenschein - und ging besonders verschwenderisch damit um: Bei einem Hoffest in Dresden wurden z.B. 14 000 Wachslichter verbraucht. Und bei der Krönung Georg IV. 1821 in London entzündete man gar auf 28 Lüstern jeweils 60 Kerzen - gleichzeitig!
Erst im vorigen Jahrhundert entdeckte man die vorteilhaften Kerzenrohstoffe Paraffin und Stearin, die wir heute noch verwenden. Im gleichen Zeitraum wurde der Docht entscheidend verbessert, so daß endlich in Erfüllung gehen konnte, was Goethe schon so dringend wünschte: "Wüßte nicht, was sie besseres erfinden könnten, als daß die Lichter ohne Putzen brennten."

 Als neuere, wissenschaftlich - präzise Schrift über die Entstehungsgeschichte der Kerze empfehlen wir:
Büll/Moser. Wachs und Kerze - ein Beitrag zur Kulturgeschichte dreier Jahrtausende. Alfred Duckenmüller
Verlag München, 1974. Die obigen Ausführungen stützen sich zum großen Teil auf diese Schrift.